College Fussball in den USA ist “Gefühlt Bundesliga”

Bundesliga-Spieler hierzulande kennen das: Sich in der Öffentlichkeit unbeschwert bewegen kann mitunter schwierig sein, vor allem in Zeiten von Smartphones. Von Bundesliga-Fußball ist zwar der Würzburger Nico Engelking ein gutes Stück entfernt, aber so ähnlich ergeht es dem 23-Jährigen bei seinem Übersee-Abenteuer in Omaha, Nebraska. Warum und wieso? Das hat er FuPa ausführlich erzählt.

FuPa: Nico, welcome back in Germany. Wann bist du zurückgekommen, spürst du noch den Jetlag?
Nico Engelking (23): Seit Montagmorgen bin ich zurück. Ein 18-Stunden-Trip von Omaha über Charlotte nach Frankfurt. Ich wollte am Abend noch in die Stadt, aber dann hat`s mich voll erwischt. Ich bin eingeschlafen, da half auch kein Wecker mehr. (lacht)

Wie lange bist du denn auf Heimatbesuch?
Ich bin jetzt bis zum 14. Januar zuhause, danach geht`s wieder rüber. In den USA sind jetzt Semesterferien und da unsere Saison auch bereits zu Ende ist, habe ich jetzt ein paar Wochen zum Entspannen. Endlich bleibt auch mal wieder Zeit für Familie und Freunde. Das ist das einzige Manko an der ganzen Geschichte, dass ich die sehr selten sehe.

Im Frühjahr bis du von Charleston in West Virginia nach Omaha, Nebraska gezogen, wo du dich seither an der Creighton University mit den besten College-Kickern des Landes messen kannst, der Elite-Meisterschaft im College-Soccer. Wie lief es sportlich?
Creighton ist im College-Soccer landesweit eine Top-Adresse, da sind die Ansprüche immer hoch. Für Creighton-Verhältnisse haben wir eine eher durchwachsene Saison gespielt, das muss man klar so sagen. Zunächst lief es gut, dann aber hatten wir mit vielen Verletzungen zu kämpfen. Ich selbst musste auch wegen einer Leistenzerrung passen. Das Programm ist knüppelhart, du hast immer zwei bis drei Spiele pro Woche. Und dann ist da eben das spezielle amerikanische System mit den Playoffs. Eine Niederlage und alles ist aus.

Was ziehst du persönlich für ein Resümee?
Es war ein Riesenerlebnis und erfüllt mich auch ein wenig mit Stolz, wenn man sieht, was es den Menschen hier bedeutet. Wir haben schon vor 10.000 oder 15.000 Leuten gespielt, haben einen Schnitt von über 3.000 Zuschauern pro Heimspiel. Das ist gigantisch.

Für deutsche Fußballfans klingt das ziemlich verrückt: Da schauen sich tatsächlich mehrere tausend Zuschauer das Spiel einer Uni-Mannschaft an?
Das ist eben der große Unterschied. In den USA gibt es den Profisport und darunter kommen die College-Wettbewerbe. Es gibt keine vergleichbare Vereinsstruktur wie in Deutschland. Es ist verrückt, die College-Meisterschaften sind sogar oft populärer als die großen Profiligen. Im Football, was zweifelsohne im Ranking noch weit vor Fußball liegt, wohnen nicht selten 100.000 Zuschauer College-Spielen bei. Unsere Partien werden allesamt im Fernsehen übertragen, die Aufmerksamkeit ist sehr hoch. Die Leute in der Stadt erkennen dich und sprechen dich an, zu den Auswärtsspielen wird geflogen, vorm Anpfiff gibt`s die Nationalhymne. Gefühlt ist das Bundesliga. (lacht)

Die Uni-Mannschaft als Stolz und Aushängeschild der Stadt und einer ganzen Region.
Das kann man durchaus so sehen. Da kommt auch der Lokalpatriotismus durch. Vor allem in ländlichen Regionen, wie Nebraska eine ist, wo es jetzt nicht gerade vor Profiteams wimmelt, ist den Leuten einfach ihr College-Team näher als irgend eine Profimannschaft aus einer Metropole. In fußballerischer Hinsicht hat sich Creighton in den letzten Jahren einen Namen gemacht, ist zu einer Marke geworden. Da geht`s auch sehr viel ums Prestige. Und deshalb sind die Universitäten auch bereit, sehr viel Geld in die Hand zu nehmen.

Im Vergleich zu Deutschland: Wie schätzt du das Niveau ein?
Das ist sehr unterschiedlich. Vor allem die guten Teams an der Ostküste würde ich locker in der Regionalliga verorten. Andere Mannschaften sind nicht so ambitioniert, die würden wahrscheinlich in der Bayernliga gegen den Abstieg spielen.

Studieren in den USA, nebenbei auf richtig hohem Niveau Kicken. Du könntest es schlechter getroffen haben. Kannst du die Zeit auch richtig genießen?
Naja, um es mit den Worten unserer Coaches zu sagen: Wir sind keine normalen Studenten. Viel Freizeit bleibt nicht. Wir haben zweimal täglich Training, dazu die Kurse an der Uni und natürlich die Spiele. Gott sei Dank sind die Professoren hier sehr kulant und haben viel Verständnis dafür, wenn wir wegen Auswärtsspielen wieder mal fehlen. Zudem habe ich hier in den USA den Begriff Disziplin neu gelernt.

Wie meinst du das?
Zu spät kommen oder auch nur der kleinste Verstoß gegen die Kleiderordnung, das gibt`s hier nicht. Das läuft nicht nach dem Motto: Fünf Euro in die Mannschaftskasse, weil du fünf Minuten zu spät beim Treffpunkt erscheinst. Alle Spieler sind immer mindestens 15 Minuten vorm Treffpunkt da. Und bist du der Letzte, nimmt dich der Coach zur Seite und stellt dich zur Rede: Pass auf Junge, du musst disziplinierter werden. Verstehst du den Wink mit dem Zaunpfahl nicht, fliegst du raus. Ganz einfach. Vor der Saison sind wir auch eindringlich darauf hingewiesen worden, mit unseren Social Media Kanälen sehr sorgsam umzugehen. Ich musste mich verpflichten, nichts zu posten, was auch nur ansatzweise der Marke Creighton schaden könnte.

Ins klassische Bild des feierwütigen Studenten passt du dann wohl eher nicht.
Das ist ohnehin ein schwieriges Thema in den USA, Alkohol in der Öffentlichkeit ist verpönt. Die Sportler der Creighton Universität werden in der Stadt erkannt. So mal lässig in der Bar ein paar Bierchen zischen, das könnte schwierig werden. Wie gesagt, die Uni achtet da penibel auf ihr sauberes Image.
 
Du hast Anfang dieses Jahres gesagt, wenn du für die Creighton Universität spielen kannst, würdest du dem Traum MLS (Fußball-Profiliga in den USA und Kanada, Anm.d.Red) ein Stück näher kommen. Wie weit ist es noch?
Schwierig, das muss ich ehrlich zugeben. Ich habe in den letzten Monaten viele Spieler gesehen, die auf einem brutal hohen Niveau sind, die sind schon bockstark und solche tolle Kicker habe ich selten erlebt. Ich habe jetzt noch eine Saison bei Creighton vor mir, dann ist mein Studium zu Ende und dann ist das Kapitel College-Soccer auch beendet. Wenn ich durch die Decke gehe, würden mich die Scouts wohl auf den Schirm hieven. Ansonsten wird`s wohl eher ein Traum bleiben.

Ist es der Aufwand wert? Engelking zweifelt am Profitraum.

Wie geht`s dann mit dir weiter, wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Nach meinem Bachelor-Abschluss im Studiengang “Public Relations” könnte ich mir sehr gut vorstellen, Deutschland den Master nachzulegen und dann für ein internationales Unternehmen zu arbeiten.

Hört sich so an, als hättest du den Profitraum schon insgeheim begraben.
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich im Moment so meine Zweifel habe, ob ich das wirklich möchte. Du opferst ja eigentlich dein ganzes Leben dafür, musst dem alles unterordnen. Will ich neben dem derzeitigen Pensum mit täglich zweimal Training am Freitagabend noch Extraschichten schieben? Da muss ich für mich persönlich sagen: Irgendwann ist auch mal gut. (schmunzelt) Ein geregeltes Arbeitsleben zu haben und nebenbei vor allem aus Spaß an der Freude noch Fußball spielen, diese Vorstellung gefällt mir im Moment sehr gut. 

Abschließende Frage Nico: Wie nahe bist du noch dran am Fußball in der Heimat?
Klar, was der WFV so treibt verfolge ich natürlich intensiv. Mein Papa ist öfter bei den Heimspielen und wir tauschen uns dann darüber aus. Auch den TSV Aubstadt habe ich auf dem Schirm, da spielt mein guter Kumpel Ben Müller. Champions League natürlich, Bundesliga ab und an. Aber ansonsten stecke ich da im Moment nicht allzu tief drin in der Materie. (schmunzelt)

Das Interview führte Mathias Willmerdinger.

Zu Nico’s Athletenprofil > https://athletesusa.org/user/nicolas-engelking

Zur Chancenschätzung > https://athletes-usa.es/sportstipendium/

Artikel von Mathias Willmerdinger, veröffentlicht am 11.12.2019 in FuPa >>